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Was übrig bleibt, wenn man alles erreicht hat


Du hast etwas erreicht. Vielleicht sogar vieles. Vielleicht hören die anderen zu, wenn du sprichst. Vielleicht bewundern sie dich, oder zumindest das Bild von dir, das du ihnen zeigst. Vielleicht sagt dein Lebenslauf mehr über dich aus als jedes Gespräch, das du je geführt hast.


Und trotzdem: da ist diese Stille. Nicht die gute Art. Die andere. Die sich meldet, wenn das Licht ausgeht und das Handy schweigt. Ein leiser, hartnäckiger Unterton, der sich nicht wegarbeiten lässt. Nicht wegfeiern. Nicht wegoptimieren.


Mir ist über die Jahre aufgefallen, dass erfolgreiche Menschen, wenn sie wirklich reden, nicht die Konferenzversion, sondern danach, wenn alle gegangen sind — fast nie über das reden, was sie erreicht haben. Wenn sie ehrlich werden, wirklich ehrlich, reden sie über einen Abend, den sie vergessen haben zu leben. Über einen Menschen, zu dem sie zu spät gekommen sind. Über etwas Kleines, das sie nie gemacht haben, obwohl es so einfach gewesen wäre.


Das hat mich lange irritiert.


Ich habe noch nie erlebt, dass Eltern ihre Kinder am Küchentisch fragen: Warst du heute präsent? Aber ich habe oft erlebt, dass sie fragen: Welche Note hast du bekommen? Irgendwo zwischen diesen beiden Fragen liegt das Problem.


Was vor 2000 Jahren schon niemand hören wollte

Die Griechen hatten zwei Wörter für Glück. Ich weiß, das klingt nach dem zwanzigsten Artikel, der so beginnt. Aber ich bringe es trotzdem, weil es stimmt, und weil wir es offensichtlich noch nicht verstanden haben, sonst würden nicht so viele Menschen mit vollen Kalendern und leeren Augen durch die Welt laufen.


Hedonia, das Vergnügen, das Angenehme, der satte Augenblick. Eudaimonia, das Aufblühen, das Leben in Übereinstimmung mit dem, was in einem am tiefsten ist. Das eine lässt sich messen. Das andere nicht. Ich kenne erstaunlich viele Menschen, die dir auf Anhieb sagen können, was ihr Auto kostet, ihr Jahresgehalt, ihre Followerzahl. Aber kaum jemanden, der sagen kann, was ihm wirklich genug bedeutet.


Aristoteles bestand darauf: Äußere Güter sind Bedingungen, nicht Ursachen des guten Lebens. Sie schaffen den Rahmen. Die Füllung musst du selbst mitbringen. Das klingt so selbstverständlich, dass man darüber hinwegliest. Aber schau dir an, wie du deine Woche planst, und dann sag mir, ob du wirklich daran glaubst.


Seneca war direkter, wie man es von jemandem erwarten kann, der am Kaiserhof lebte und täglich sah, wie Macht Menschen leer frisst: „Dum differtur vita transcurrit." Während du aufschiebst, vergeht das Leben. Er beschreibt Menschen, die ihr ganzes Leben damit verbringen, sich auf das Leben vorzubereiten. Erst noch dieses Ziel, erst noch jenes Fundament. Und die dann feststellen: die Bühne war voll. Der Vorhang fiel. Sie selbst waren nie wirklich drauf gewesen, nur ihr Auftritt.


Im Buddhismus gibt es das Konzept der Śūnyatā, Leerheit. Nicht Nihilismus. Sondern die Beobachtung, dass alle Identitäten, alle Rollen, alle Ergebnisse ohne unveränderliche Essenz sind. Dein Titel, śūnyatā. Dein Status, śūnyatā. Was du erreichst, śūnyatā. Wenn du dich damit identifizierst, leidest du, weil du versuchst, etwas Festes zu greifen, das kein Festes hat. Die Leere, die du spürst, ist nicht dein Versagen. Sie ist die Wirklichkeit, die dir sagt: hier ist nichts zu fassen. Geh tiefer.


Dein Gehirn ist gegen dich, aber nicht so, wie du denkst

Das erste Phänomen nennt sich hedonische Adaptation. Was gestern außergewöhnlich war, ist heute normal. Der neue Job, das neue Haus, die neue Anerkennung, das Nervensystem gewöhnt sich mit erschreckender Geschwindigkeit daran. Was einmal als Ziel glühte, wird zur Baseline. Dann braucht es mehr. Immer mehr.


Psychologen nennen das das hedonische Laufband. Du läufst. Aber du kommst nicht weiter. Du kehrst immer wieder auf dieselbe emotionale Grundtemperatur zurück, egal was du erreichst. Das ist keine Schwäche des Charakters. Das ist Biologie. Aber Biologie, der man nicht hilflos ausgeliefert ist, wenn man sie erkennt.


Das zweite ist die Identitätsfusion mit Leistung. Irgendwann früh im Leben haben viele von uns herausgefunden, dass Leistung geliebt wird. Ergebnis, und die Bezugsperson lächelt. Das Kind lernt: Ich bin wertvoll, wenn ich liefere. Was als Überlebensstrategie beginnt, wird zum Selbstbild. Und das Selbstbild wird zum Gefängnis. Wenn du bist, was du leistest, was bist du dann in den Pausen? Im Versagen? Im Innehalten? Das Nichts, das dort auftaucht, fühlt sich wie Leere an. Aber es ist keine Leere. Es ist das Selbst, das auf dich wartet. Das du nie besucht hast.


Das dritte beschrieb Viktor Frankl als das existentielle Vakuum, und er beobachtete es besonders in wohlhabenden, erfolgreichen Gesellschaften. Menschen, die alles haben, aber nicht wissen, wofür. „Der Mensch hat das Tier-Erbe verloren, die Instinkte, und verlor dazu die Tradition, die ihm sagte, was er tun soll." Ohne ein Wozu ist alles möglich und nichts notwendig. Das ist keine Freiheit. Das ist Schwerelosigkeit ohne Boden.


Die Literatur wusste es. Die Zahlen beweisen es. Du spürst es.

Tolstoi schrieb in „Der Tod des Iwan Iljitsch" die präziseste Darstellung dieses Phänomens, die ich kenne. Iwan Iljitsch hat alles richtig gemacht, Karriere, Familie, gesellschaftlicher Aufstieg. Und dann erkrankt er, und auf dem Sterbebett fragt er sich: War das wirklich mein Leben? Habe ich wirklich gelebt? Sein Leben war korrekt. Sein Leben war erfolgreich. Sein Leben war nicht seins.


Rilke schrieb in den „Briefen an einen jungen Dichter" etwas, das mich mehr beschäftigt hat als fast jeder psychologische Fachtext: „Ich möchte Sie bitten, Geduld zu haben gegen alles Ungelöste in Ihrem Herzen und zu versuchen, die Fragen selbst liebzuhaben wie verschlossene Stuben." Die Bereitschaft, mit dem Ungelösten zu sitzen. Die Leere nicht sofort zu füllen, mit Aktivität, mit dem nächsten Ziel, sondern sie zu bewohnen. Das ist schwerer, als es klingt. Und gleichzeitig das Einzige, was wirklich hilft.


Und dann Camus. Ich habe Camus lange nicht ganz geglaubt. Diese Idee, dass man sich Sisyphus als glücklichen Menschen vorstellen soll, das klang mir immer ein bisschen nach philosophischer Tapferkeit. Nach dem schönsten Satz, den man über eine hoffnungslose Situation sagen kann. Vielleicht hatte er recht. Vielleicht ist das sogar die einzig erwachsene Antwort auf das alles. Vielleicht hat er sich aber auch etwas schön geredet, das niemand wirklich akzeptieren möchte. Ich weiß es nicht. Aber was mich daran heute nicht mehr loslässt: Sisyphus rollt den Stein nicht, weil er glaubt, dass er oben bleibt. Er rollt ihn, weil er derjenige ist, der rollt. Weil das Tun selbst, nicht das Ergebnis, das ist, was ihn ausmacht. Das ist der Unterschied zwischen einem Leben, das man lebt, und einem Leben, das man aufbaut.


Über einen Mann, den ich nie vergessen habe

Ich habe einmal mit einem Mann gearbeitet, der in einer großen Schweizer Metallfirma zu den Geschäftsführern gehörte. Er hatte über Jahrzehnte erhebliches Vermögen aufgebaut, Immobilien, Namen, Ruf. In Afrika hatte er durch konkrete Projekte etwas hinterlassen, das über Geld hinausging, Menschen kannten ihn, respektierten ihn, nannten ihn Spender, wenn er eine Klinik betrat. Er war jemand, dem man ansah, dass er Gewicht hatte in der Welt.


Dann wurde er krank. Schwer krank. Unheilbar.


Was danach kam, war nicht der Tod. Was danach kam, war etwas, mit dem er noch weniger umgehen konnte: er saß plötzlich mit sich selbst. Mit allem, was er aufgebaut hatte, und mit der stillen, unerbittlichen Frage, was davon eigentlich er gewesen war.


In dieser Phase wurde er unzugänglich. Aggressiv. Er erschreckte Menschen, die ihn bisher nur in einer bestimmten Form gekannt hatten, nobel, kontrolliert, verlässlich. Dieses Bild konnte er nicht mehr erfüllen. Und so machten die meisten einen Schritt zurück. Nicht aus Böswilligkeit. Aus Hilflosigkeit. Aus Angst vor dem, was sie in ihm sahen.


In seiner tiefsten Krise begann ich mit ihm zu arbeiten. Ich berichte diesen Fall nicht, weil ich ihn gerettet hätte, das wäre eine zu einfache Geschichte. Ich berichte ihn, weil er mir etwas gezeigt hat, das ich nicht vergessen habe.


Er sagte es selbst, irgendwann in einer dieser langen Stunden: Ich habe mein Leben lang Stahl verwaltet. Aus diesen Metallen wurden Dinge gebaut, Strukturen, Maschinen, Gerüste für andere. Aber ich selbst bin damit nie gefahren. Ich habe die Werkzeuge zur Verfügung gestellt. Ich war nie wirklich dabei.


Er war der Mann, der Schiffe baut und niemals zur See fährt.


Das hatte sich ihm erst aufgedrängt, als er dem Tod ins Auge sah. Und dieser Moment hatte ihn so in die Enge getrieben, dass er anfing, ernsthaft über seinen Tod nachzudenken.

Was ihn zurückbrachte, und das ist der Teil, der mich bis heute beschäftigt, waren keine großen Gesten. Früher umarmte er Menschen wie jemand, der einen Vertrag unterschreibt. Kurz. Präzise. Erledigt. Irgendwann erzählte mir seine Tochter, dass er sie eines Abends plötzlich festhielt. Nicht lange. Vielleicht fünf Sekunden. Aber lang genug, dass sie danach weinte.


Dann kamen die Spaziergänge am See. Stundenlang. Er schaute den Wasservögeln zu, diesem stillen, zwecklosen Treiben der Tiere, das ihn faszinierte wie kaum etwas in seinem Leben davor. Ich habe ihn einmal gefragt, warum gerade die Vögel. Er hat lange nachgedacht. Dann sagte er: Die wissen nicht, dass sie beobachtet werden. Die machen es einfach.


Kleine Dinge. Dinge, für die er nie Raum gehabt hatte. Dinge, denen er nie Wert beigemessen hatte, weil man sie nicht messen kann.


Was ihm auch half: einen Referenzpunkt im Außen zu haben. Jemanden, der diese Seite in ihm erkannte und die ersten Schritte mit ihm ging, ohne von ihm zu verlangen, dass er sofort wieder der alte wird.


Einige Monate später erzählte er mir, dass er zum ersten Mal seit Jahrzehnten einen ganzen Nachmittag verbracht hatte, ohne das Gefühl zu haben, seine Zeit zu verschwenden. Als er das sagte, musste er lachen. Nicht weil es besonders war. Sondern weil es für ihn früher unvorstellbar gewesen wäre.


Er ist nicht geheilt worden im klassischen Sinne. Aber er hat etwas erfahren, das wichtiger ist als Heilung: er hat sich selbst zum ersten Mal begegnet. Nicht den Ergebnissen. Nicht dem Bild. Ihm.


Die falsche Währung

Innere Leere trotz äußerem Erfolg ist eine der wichtigsten Botschaften, die das Leben einem Menschen schicken kann. Keine Diagnose. Kein Versagen. Eine Botschaft.


Sie sagt: Du hast die falsche Währung gesammelt.


Ich habe noch nie jemanden getroffen, der auf dem Sterbebett sagte: Ich wünschte, ich hätte mehr gearbeitet. Ich habe Menschen getroffen, die sagten: Ich wünschte, ich hätte meiner Tochter öfter zugehört. Ich wünschte, ich wäre einmal wirklich am Meer gewesen, nicht nur durchgefahren. Ich wünschte, ich hätte einmal nicht gewusst, wie spät es ist.


Das sind keine poetischen Übertreibungen. Das sind Sätze, die ich gehört habe.

Schopenhauer: „Der Reichtum gleicht dem Seewasser: Je mehr man davon trinkt, desto durstiger wird man." Das gilt nicht nur für Geld. Es gilt für jede Form des äußeren Mehr, mit dem wir einen inneren Hunger stillen wollen.


Viele bekämpfen die Leere, indem sie das Tempo erhöhen. Mehr Projekte, mehr Ziele, mehr Lautstärke. Als ob Geschwindigkeit gegen Stille hilft. Sie hilft nicht. Sie verschiebt. Und der Preis des Verschiebens ist Erschöpfung, oder irgendwann ein Zusammenbruch, der einem keine Wahl mehr lässt.


Die Stille wartet. Du bist derjenige, der keine Zeit hat.


Vielleicht ist die Leere gar kein Problem. Vielleicht ist sie sogar das Gesündeste, was einem passieren kann, ein Körper, der endlich ehrlich ist. Ich bin mir da bis heute nicht vollständig sicher. Aber ich glaube, dass Menschen, die ihr Leben lang keine Leere kennen, meistens sehr gut darin sind, sich selbst nicht zuzuhören.


Der unbequemste Therapeut, den du je hattest

Zeiger zeigen nicht auf sich selbst. Die Leere zeigt nicht auf dein Versagen. Sie zeigt auf etwas, das noch nicht gelebt wurde. Auf einen Teil von dir, der wartet. Auf eine Frage, die du noch nicht gestellt hast.


Sie ist unbequem. Das ist ihr Auftrag. Ein bequemer Zeiger wäre keiner.


Frankl schrieb: „Der Mensch braucht keinen spannungslosen Zustand, sondern das Streben und Ringen um ein Ziel, das seiner würdig ist."


Die eigentliche Aufgabe ist vielleicht nicht, die Leere zu füllen. Sie ist herauszufinden, womit du dich wirklich füllst, und ob das, womit du dich füllst, du selbst bist oder nur das Bild, das andere von dir erwarten.


Das ist das schwierigere Projekt. Es hat keine Deadline. Es gibt kein Zertifikat. Es macht dich nicht reicher oder bekannter. Aber es macht dich, vielleicht zum ersten Mal, wirklich lebendig.

Vielleicht beschäftigt mich dieses Thema deshalb so sehr, weil ich immer wieder Menschen begegne, die nach außen erfolgreich wirken und innerlich trotzdem verloren sind. Die meisten kommen nicht wegen ihrer Erfolge zu mir. Sie kommen wegen dem, was trotz ihrer Erfolge fehlt.

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