Präsenz als Entscheidung
- Sasan Azami

- vor 4 Stunden
- 3 Min. Lesezeit
Es gibt Menschen, die ein ganzes Leben lang anwesend waren. Und am Ende das Gefühl haben, es irgendwie verpasst zu haben.
In der Palliativmedizin und Sterbebegleitung hört man das mit einer Regelmäßigkeit, die einen nicht loslässt. Menschen am Ende ihres Lebens bereuen selten was sie getan haben. Sie bereuen was sie nicht getan haben. Gespräche die nicht stattgefunden haben. Momente die sie körperlich erlebt aber innerlich verpasst haben. Beziehungen in denen sie zwar anwesend waren, aber nie wirklich da.
Das ist kein Zufall. Es ist das Ergebnis von Jahren in denen Präsenz keine Priorität war. Nicht weil diese Menschen gleichgültig waren. Sondern weil niemand ihnen je gezeigt hat, dass Präsenz überhaupt eine Wahl ist.
Es gibt einen Unterschied zwischen anwesend sein und präsent sein. Anwesend ist jeder im Raum. Präsent ist jemand der wirklich da ist, ohne innere Agenda, ohne nächsten Gedanken, ohne Bewertung. Dieser Unterschied ist subtil. Aber das Gegenüber spürt ihn. Kinder spüren ihn besonders klar. Aber auch Erwachsene, auch wenn sie es nicht benennen.
Was dabei im Raum passiert, lässt sich beschreiben ohne es zu mystifizieren: Ein Mensch der wirklich ruhig ist, bringt etwas mit, das sich überträgt. Nicht durch Worte, nicht durch Methode. Durch den Zustand selbst. Das Gegenüber atmet anders. Die Anspannung verändert sich. Das Gespräch bekommt ein anderes Gewicht.
In der Akutpsychiatrie habe ich das sehr direkt erlebt. Nachtschicht, ein Mensch in einer der schwersten Nächte seines Lebens. Alle Protokolle abgearbeitet. Und dann einfach dasitzen. Keine nächste Frage, kein nächster Schritt. Nur da. Irgendwann sagte er: „Du bist der erste Mensch heute, der mich nicht bewertet hat." Er hat nicht die Worte gespürt. Er hat den Zustand gespürt.
Das hat mich etwas gelehrt, das kein Lehrbuch so klar formuliert: Präsenz ist oft das Wirksamste was ein Mensch einem anderen geben kann. Nicht Analyse, nicht Lösung, nicht Rat. Vollständige Aufmerksamkeit ohne Agenda.
Und das ist im Alltag erschreckend selten.
Gedanken springen nach vorne. Zum nächsten Gespräch, zum letzten Fehler, zu dem was noch erledigt werden muss. Man hört jemandem zu und bereitet gleichzeitig die Antwort vor. Man sitzt beim Abendessen und ist nicht da. Etwas im Kopf bleibt nie wirklich im Jetzt. Man ist beschäftigt mit dem Leben, während das Leben gerade passiert.
Das ist keine Schwäche. Es ist ein Muster. Und wie alle Muster hat es eine Logik, aber irgendwann arbeitet es gegen einen.
Es gibt alte Traditionen die das wussten, lange bevor es dafür Erklärungen gab. Im Zenbogenschießen zielt man nicht mit Anspannung. Man richtet sich aus, lässt alles schwimmen, und in dem Moment wo der Widerstand weg ist, lässt man los. Der Pfeil geht nicht durch Kontrolle ins Ziel. Er geht durch das Loslassen von Kontrolle.
Das klingt weit weg vom Alltag. Ist es aber nicht. Viele der klarsten Gedanken, die stärksten Gespräche, die besten Entscheidungen passieren nicht wenn man sich besonders anstrengt. Sie passieren wenn der innere Lärm kurz aufhört. Wenn man nicht mehr kämpft, sondern einfach da ist.
Präsenz lässt sich nicht erzwingen. Sie entsteht wenn man aufhört gegen den Moment zu arbeiten. Wenn man aufhört wegzusein.
Und genau das ist eine Entscheidung.
Nicht im Sinne von: ich entscheide mich jetzt präsent zu sein, und dann ist es so. Sondern im Sinne von: ich bemerke, dass ich gerade nicht da bin, und ich entscheide mich zurückzukommen. Dieser Moment des Bemerkens ist alles. Er ist der Unterschied zwischen einem Leben das an einem vorbeizieht und einem Leben das man tatsächlich bewohnt.
In meiner Arbeit ist Präsenz deshalb kein Ziel das am Ende wartet. Sie ist der Ausgangspunkt. Wer nicht bei sich ist, kann nicht wirklich bei anderen sein. Wer dauerhaft woanders ist, trifft Entscheidungen die nicht aus ihm kommen, sondern aus dem Lärm um ihn herum.
Manchmal beginnt alles damit, dass man mitten im Gespräch merkt: ich bin gerade nicht wirklich hier.
Und sich dann entscheidet zurückzukommen.
Das ist unspektakulär. Und es verändert alles.
Was folgt, ist Klarheit.




Kommentare