Warum wir immer wieder dieselben Menschen wählen
- Sasan Azami

- 3. Juni
- 4 Min. Lesezeit

Es gibt Menschen, die ihre eigenen Muster so gut kennen, dass sie sie dir in einer halben Stunde erklären können. Sie haben die Bücher gelesen, die Therapiestunden gemacht, die langen Gespräche mit Freunden geführt.
Und dann passiert es wieder.
Nicht weil sie nichts verstanden hätten. Sondern weil Verstehen und Verändern zwei vollständig verschiedene Dinge sind, die wir ständig verwechseln.
Und mehr noch: Verstehen kann selbst zur Vermeidung werden.
Solange ich erkläre, warum ich immer dieselben Menschen wähle, muss ich nicht spüren, was in mir passiert, wenn jemand wirklich nah kommt. Das Konzept schützt vor dem Kontakt. Die Analyse ersetzt das Erleben. Und das Muster läuft weiter, gut erklärt, vollständig verstanden, unberührt.
Das Nervensystem ist kein romantisches Organ. Es interessiert sich nicht dafür, ob du glücklich bist. Es interessiert sich dafür, ob die Situation bekannt ist. Vertrautheit fühlt sich an wie Sicherheit, auch wenn sie es nicht ist.
Oft reagiert das Nervensystem auf Vertrautheit schneller als auf die Frage, ob etwas tatsächlich gut für uns ist.
Wenn jemand in einer Umgebung aufgewachsen ist, die unberechenbar war, die mal nah und mal weit war, dann hat er gelernt, in dieser Unberechenbarkeit zu navigieren. Das Lesen von Stimmungen, bevor man ins Zimmer tritt. Das Zurückhalten von dem, was man wirklich will. Kleine Wiederholungen über Jahre, die sich einschreiben.
Und dann begegnet man jemandem, der genau diese Struktur reproduziert. Dieses Ziehen, dieses Nicht-Wissen, dieses Hin-und-Her. Und es fühlt sich an wie Anziehung. Wie endlich jemand, der einen wirklich sieht.
Auf der anderen Seite gibt es die Beziehungen, die ruhig sind. In denen jemand verlässlich ist, präsent, klar. Und viele Menschen, wenn sie wirklich ehrlich sind, beschreiben das als langweilig. Was fehlt, ist der Stress. Der Stress, den man so lange als Normalzustand erlebt hat, dass man ihn nicht mehr als Stress erkennt, sondern als Intensität. Als Tiefe. Als echte Verbindung.
Ein Mann, den ich begleitet habe, hat das einmal so beschrieben: Mit ihr war es wie Autofahren auf einer leeren Autobahn. Mit der anderen war es wie mitten in der Stadt bei Regen, alle hupen, du weißt nicht wo du hinmusst, aber du bist so wach. Er hat sich für die Stadt entschieden. Drei Mal.
Irgendwann habe ich eine Frau kennengelernt.
Sie war in der Psychiatrie. Nicht zum ersten Mal. Nach einer Trennung, nicht der ersten, die sie dorthin gebracht hatte. Es gibt Momente in dieser Arbeit, in denen ein Mensch so weit unten ist, dass alle Schutzschichten weg sind. Keine Erklärungen mehr. Nur noch das, was wirklich ist.
Das war so ein Moment.
Sie hat mir erzählt, dass sie ihre Muster kennt. Schon lange. Dass sie die Männer sieht, bevor sie mit ihnen zusammenkommt. Dass sie weiß, wie es ausgehen wird, manchmal schon beim ersten Abend. Und dass sie trotzdem geht. Immer wieder.
Aber dann hat sie etwas gesagt, das mich nicht mehr losgelassen hat.
Sie hat mich angeschaut und gesagt, sinngemäß: Die machen das nicht allein. Ich geh da auch jedes Mal wieder hin. Ich bin denen eine Abladefläche, weil ich das kenne. Und die Männer, die mir gutgetan haben, die haben mich gelangweilt. Oder ich hab sie manipuliert. Ich wusste nicht, was ich mit jemandem anfangen soll, der einfach gut zu mir ist.
Das ist der Satz, den die meisten nie sagen. Nicht weil sie ihn nicht denken. Sondern weil er so viel kostet. Weil er bedeutet, dass das Muster nicht nur passiert. Dass man es mitbaut. Dass man es braucht.
Und das ist der Punkt, an dem Therapie oft aufhört, und an dem es eigentlich erst anfangen müsste.
Arnold Beisser, Gestalttherapeut, hat 1970 etwas formuliert, das so kontraintuitiv ist, dass man es mehrmals lesen muss, bevor es sitzt. Er nannte es das Paradox der Veränderung.
Veränderung geschieht nicht dadurch, dass man versucht, sich zu verändern. Sie geschieht dadurch, dass man vollständig wird, was man ist.
Wer sein Muster bekämpft, verstärkt es. Der Widerstand selbst hält das Muster am Leben. Wer aber wirklich hinschaut, nicht intellektuell, sondern im Körper, wer versteht, wozu dieses Muster einmal gut war, der schafft die Bedingung, unter der es sich auflösen kann. Nicht durch Willen. Durch Präsenz.
Jedenfalls sehe ich das immer wieder.
Das erklärt, warum so viele Menschen scheitern, die es eigentlich wissen. Sie kämpfen. Sie nehmen sich vor, diesmal anders zu entscheiden. Und wenn es wieder passiert, kommt die Scham. Ich hätte es wissen müssen. Was stimmt nicht mit mir.
Schuld ist aber die falsche Frage. Die richtige lautet: Was soll diese Wiederholung lösen? Was sucht man in diesem Muster, das man noch nie wirklich gefunden hat?
Die Frau in der Psychiatrie saß zum dritten Mal dort. Und zum ersten Mal war sie wirklich ehrlich. Nicht weil sie schwächer geworden wäre. Sondern weil der Zusammenbruch das einzige war, das die Schutzschicht dünn genug gemacht hatte.
Veränderung entsteht manchmal erst, wenn die Kosten des bisherigen Musters nicht mehr ignorierbar sind. Das geschieht häufig in Krisen. Aber nicht ausschließlich. Es gibt Menschen, die diesen Punkt früher erreichen, durch ein Gespräch, durch einen Moment der Stille, in dem sie sich selbst zum ersten Mal wirklich zuhören.
Was zählt, ist nicht die Form des Moments. Was zählt, ist ob man bereit ist, in ihm zu bleiben, anstatt ihn sofort wieder zu erklären.
Was bedeutet das konkret in einer Beziehung?
Es bedeutet, das anzusprechen, was man nicht anspricht. Die Langeweile, die sich einschleicht. Die Entfremdung, die man längst bemerkt hat. Oder diesen Moment, in dem man merkt, dass man Gedanken hat, die man dem anderen niemals sagen würde.
Warum sitzen wir hier und fühlen uns so weit voneinander entfernt. Warum ist es so still. Warum habe ich das Gefühl, dass ich funktioniere, aber nicht lebe.
Wenn diese Momente ausgesprochen werden, entsteht Bewegung. Keine angenehme, meistens. Streit, Unsicherheit, vielleicht Trennungsphasen. Dinge, die sich anfühlen wie Scheitern, und die in Wirklichkeit das erste Mal seit Jahren etwas Echtes sind.
Man wird affektiv sein, eifersüchtig, fliehend oder anhaftend. Das gehört dazu.
Aber genau dort beginnt etwas.
Die Dynamiken sind bei jedem anders. Was sich beim einen als Suche nach Intensität zeigt, zeigt sich beim anderen als stilles Einschlafen in einer Beziehung, die nie wirklich gelebt wurde. Aber das Grundprinzip ist dasselbe.
Man kommt so lange immer wieder an denselben Punkt, bis man aufhört wegzuschauen. Und irgendwann merkt man: Der Weg heraus führte nie um das Muster herum. Sondern durch es hindurch.




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